Das „Mathetrauma“ überwinden : Datum:
Die Bedeutung der Mathematik für unsere Gesellschaft wird oft unterschätzt. Das Fach hat vermeintlich einen schlechten Ruf, obwohl Mathekenntnisse Vorteile haben. Die T!Raum-Initiative #MOIN bringt lebendige Mathematik in Schulen, Industrie, Politik und Gesellschaft und wurde dafür bereits ausgezeichnet.

Überall steckt Mathematik drin
Das Smartphone ist ständiger Begleiter, die Kartenapp berechnet die schnellste Route, zum Feierabend streamen wir einen Film oder spielen mit Konsole und VR-Brille. Wir leben in einer digitalisierten Welt, in der überall Mathematik steckt und die ohne Mathematik so nicht möglich wäre. Trotzdem leidet das Fach in Deutschland unter einem vermeintlich schlechten Ruf.
Das will die T!Raum-Initiative „#MOIN - Modellregion Industriemathematik“ ändern und hat für ihre Lösungsansätze bereits zwei Preise gewonnen. Beim NordWest Award bekam die vom BMBF geförderte Initiative für das gesellschaftliche Engagement den 1. Preis. Beim Transferpreis der Universität Bremen belegte #MOIN den 2. Platz. In der Region Bremen, Bremerhaven und Osterholz engagiert sich die Initiative mit verschiedenen Projekten unter anderem dafür, Menschen für Mathematik zu begeistern und das Potential der Industriemathematik sichtbarer zu machen.


Deutsche haben Probleme mit Alltagsmathematik
Schlecht in Mathe zu sein, ist vielen Menschen nicht peinlich. „Deutschland lebt in einem Mathetrauma!“, meint Projektleiter Professor Christof Büskens. „Wenn Menschen nicht lesen oder schreiben können, erzählen sie es nicht, das ist ihnen peinlich. Aber bei Mathematik erzählen Leute offen, dass sie es nicht können.“
Die Studie „Bürgerkompetenz Rechnen 2023“ zeigte, dass viele Erwachsene in Deutschland Probleme mit Alltagsmathematik haben, die das Niveau der 8. Klasse nicht übersteigt. Dabei treffen wir immer wieder Entscheidungen, bei denen Mathekenntnisse helfen, etwa beim Vergleichen von Preisen oder dem Unterschreiben eines Kreditvertrags. Wenn Menschen in Führungspositionen sich verrechnen, kann das schnell teuer werden. „Mathematik ist eine gigantische Wirtschaftskraft“, sagt Christof Büskens. So hätten die schlechten Mathematikkenntnisse der Bevölkerung einen immensen und langfristigen Schaden für die Wirtschaft. Es fehle an Fachkräften, ein Innovationsstau sei die Folge. „Die Menschen wissen nicht, wo überall Mathematik drinsteckt“, findet Büskens.

Kinder mit Gamification und Storytelling für Mathematik begeistern
Das Mathetrauma fängt für viele in der Schule an. Anders als in anderen Fächern kann man leichter den Anschluss verlieren, weil alles aufeinander aufbaut und man bei einem neuen Thema nicht so leicht neu einsteigen kann. Im Pisatest 2022 verfehlten 30 Prozent der Jugendlichen die Mindestanforderungen in Mathematik. Viele sind laut der Erhebung in den Mathestunden müde und langweilen sich.
„Wir unterrichten Mathematik immer noch so wie die Pyramiden“, findet Christof Büskens. „Die Pyramiden stehen in der Wüste, da kommt niemand vorbei, und im Keller liegen ein paar Leichen. Wir müssten Mathematik behandeln wie den Eifelturm. Da sind Lücken dazwischen, wo man durchgucken kann, er ist beleuchtet und steht in der Stadt der Liebe.“
Büskens wünscht sich mehr praxisnahe Aufgaben, spielerische Ansätze, Lernen mit allen Sinnen und mehr Storytelling im Mathematikunterricht. #MOIN bietet dafür Forschertage und industriemathematische Stadtrallyes, informiert Jugendliche über das Berufsfeld Mathematik und beteiligt sich an naturwissenschaftlichen Erlebnistagen.
Transferräume zwischen Wissenschaft und Wirtschaft schaffen
Eine weitere Aufgabe von #MOIN ist, Transferräume zwischen Mathematik und Wirtschaft zu schaffen. Beim 3. Forum Industriemathematik im September 2024 in Bremen wurde sichtbar, wo Mathematik bei nachhaltigen Energiesystemen eine Rolle spielt. „Können Sie sich daran erinnern, wann das letzte Mal der Strom ausgefallen ist?“, fragte Dr. Michael Schollmeyer (TenneT TSO GmbH) bei seinem Vortrag über die Herausforderungen beim Management eines Energienetzes. Durch mathematische Optimierungen funktioniert das Netz trotz der Schwankungen bei Stromerzeugung und Stromverbrauch sehr stabil. Sören Eilenberger (fleXality GmbH) zeigte, wie Mathematik dabei helfen kann, in der Tiefkühlindustrie Energie und Geld zu sparen.
Im Februar 2025 brachte die #MOIN Ideenschmiede verschiedene Unternehmen, Forschende, Kreative und Menschen aus dem Bildungsbereich zusammen. Gemeinsam entwickelten sie Ideen für Projekte unter anderem zur Verkehrsoptimierung und für Gesundheitsapps, die mit industriemathematischen Ansätzen umgesetzt werden könnten.